PKV die II.

Bereits vor einem Jahr habe ich mir Gedanken bezüglich eines Wechsels in die private Krankenversicherung gemacht. Damals konnte ich letztlich nicht wechseln, weil mir die Verwaltung meines Arbeitgebers einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Dieses Jahr kann ich nun wechseln. Doch will ich überhaupt? Und wäre das eine kluge Entscheidung?

Konkret geht es um einen alten Bisex Tarif, Gruppenversicherungsvertrag, Zwei-Bett-Zimmer, 75% Zahnersatz ohne Selbstbeteilung bei der Allianz. Ein alter Tarif der oberen Mittelklasse bei einer großen Versicherung, der im aktuellen Vergleich recht günstig scheint, aber in einigen Bereichen limitiert ist, wie z.B. einer Begrenzung auf den 2,3-fachen Satz der GOÄ (Höchstsatz). Preis-Leistungstechnisch ein guter Tarif.

Da ich eine Risikoanwartschaftsversicherung habe, könnte ich ohne Gesundheitsprüfung einsteigen. Weiter bliebe mir die Möglichkeit später in den Standardtarif zu wechseln. Ich habe mich umfassend nach Tarifalternativen umgesehen und stundenlang Tarife verglichen. Letztlich bin ich zu dem Schluss gekommen, dass besagter Alttarif für mich die sinnvollste Möglichkeit einer privaten Krankenversicherung wäre. Tools und Vergleichsrechner, die ich benutzt habe, sind unten am Artikel angeheftet.

Der Einstieg wäre für mich günstig. Ich bin jung, habe keine wesentlichen Vorerkrankungen und keine Kinder oder Partner, die ich mitversichern müsste.
Die Netto-Ersparnis beträgt ca. 120€. Wenn ich mich für einen Ausbildungstarif ohne Altersrückstellungen entscheide sind es knapp 200€. Hier sei angemerkt, dass die Brutto Differenz (GKV-Beitrag minus PKV Beitrag) nicht netto auf dem Konto landet, sondern zu großen Teilen durch höhere Lohnsteuer aufgefressen wird. Wenn man sich privat krankenversichern will, dann sollte man es früh tun, um ausreichend Altersrückstellungen zu bilden, die später hoffentlich dafür ausreichen fieße Beitragsanpassung abzufedern.

Da ich nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahle sondern später Rente aus einem Versorgungswerk erhalte, kann ich nicht in die Krankenversicherung der Rentner. Das war ein Denkfehler im letzten Artikel und so fällt auch das Argument weg, später vergünstigte GKV Beiträge zahlen zu dürfen. Ich müsste als freiwillig versichertes Mitglied hohe Beiträge (bis zur Bemessungsgrenze) zahlen und auch auf Nebeneinkünfte (Betriebsrente, Kapitalerträge) müssten Beiträge abgeführt werden.
Die Rente aus einem Versorgungswerk enthält bereits die entsprechenden Zuzahlungen, die für gesetzlich oder privat Krankenversicherte in der gesetzlichen Rentenversicherung ausgezahlt werden.

Wie im vergangen Jahr fällt es mir schwer eine umfassende und abschließende Betrachtung zu erstellen. Zu einflussreich sind Variablen wie Kinder, Berufsplanung, Beitragsexplosion oder Krankheit.

pkvrealPNG

Reale Beitragsentwicklung einer Beispielperson

Mir liegt aus der Familie eine bespielhafte Beitragsentwicklung in besagtem Tarif vor vor: Rückblickend stieg der Beitrag rund 6-6,5% p.a. Diese Informationen (knapp 7%) habe ich auch von meiner Versicherung erhalten. Leider nur für einen sehr begrenzten Zeitraum.

Bildschirmfoto 2018-03-04 um 23.22.00

Einstiegs-/Neugeschäftsprämie

Inflationsbereinigt sind es 4,5% p.a. Da wird einem schwindelig, denn ich starte eben nicht 1992 mit umgerechnet gut 100 Euro sondern 2018 mit ca. 355€ (ohne gesetzlichen Beitragszuschlag). Mit 6-7% p.a. lande ich zur Rente bei Beträgen um 2000€. Dass dieser Beitrag dann stabil sein soll ist ein schwacher Trost. Es wird teurer werden, aber wie teuer, das weiß eben keiner.

PKVinflationsbereinigt

Inflationsbereinigte Beitragsentwicklung und lineare (grün) sowie exponentielle (rot) Prognose durch Excel.

Die GKV wird sicher auch nicht billiger. Die Beitragsbemessungsgrenze steigt jedes Jahr aufs Neue. Medizinische Leistung wird bei alternder Bevölkerung und weiterhin gedeckelten Ausgaben im Gesundheitssystem in Zukunft rationiert werden müssen.

Ohne Pflegeversicherung beträgt der GKV Höchstsatz aktuell knapp 700€, inkl. Pflegeversicherung, die ich hier ausklammere, 800€. Bei 2,5% Beitragssteigerung (Erhöhung der Beitragsbemessunggrenze und Zusatzbeiträge) lande ich hier zur Rente bei 1900€ pro Monat.

Ich persönliche glaube, dass es einen Systemwechsel geben wird. Vielleicht nicht in dieser Legislaturperiode, aber in den nächsten 10-15 Jahren. Die hohe Zahl der gesetzlichen Krankenkassen ist unsinnig. Eine Bürgerversicherung könnte dem Abhilfe schaffen, aber sicher nicht alle Probleme unseres Gesundheitssystems lösen. Dass private Kranken(zusatz)versicherungen verschwinden werden glaube ich nicht. Es wird immer Menschen geben, die bereit sind mehr für ihre Gesundheit auszugeben als andere (und sei es nur eine luxuriösere Unterbringung).

Doch zurück zu den Tarifoptionen. Die maximal günstige Variante wäre der Ausbildungstarif für ca. weitere 4-5 Jahre. Anschließend entweder Wechsel zurück in die GKV/Bürgerversicherung oder dann Verbleib in der PKV mit höherem Eintrittsalter und späterem Beginn von Altersrückstellungen. Die Beitragsersparniss würde ich (selbstverständlich nicht versaufen oder so) einigermaßen sinnvoll anlegen und mir eine Rendite von 6% p.a. erhoffen. Dann lande ich bei rund 10.000€. Oder die Märkte gehen auf Talfahrt, dann…

Zweite Variante: Ich nehme den „normalen“ Tarif und habe einen höheren PKV Beitrag, (immer noch deutlich unter dem GKV Beitrag). Etwa 150€ mehr, das entspricht den Altersrückstellungen. Nach knapp 5 Jahren hat die Allianz dann (Rechnungszins  von 2,75%) rund 8500€ an Altersrückstellungen für mich gebildet. Zusätzlich spare ich im Vergleich zur GKV ca. 100€ im Monat. Hieraus würden bei 6% knapp 6000€ werden. Macht zusammen 14.000€ die für meine Gesundheit bzw. eher Krankheit reserviert sind. Zu beachten ist aber, dass ich als Angestellter nur die Hälfte der Altersrückstellungen bezahlen muss, da mein Arbeitgeber ja den halben Beitrag bezahlt. D.h. die Hälfte der Altersrückstellung (75€ pro Monat) gibts quasi gratis.
Am Ende ist es eine Entscheidung zwischen 150€ Altersrückstellungen pro Monat oder 100€ mehr netto, zumindest für die nächsten Jahre.

Diese Summen sind lächerlich klein, wenn man sie ins Verhältnis zum Gehalt setzt und sich vor Augen führt, was man in seinem gesamten Leben an Krankenkassenbeiträgen bezahlt, nämlich mehrere hunderttausend Euro.

Vorteil von Variante 1: Die Kohle bleibt bei mir, freie Verfügung.
Nachteil: Bei dauerhafter Versicherung in der PKV steige ich später in einer höheren Alterskohorte ein, d.h. teurere Prämie, da ja keine Altersrückstellung gemacht wurden. Diesen Nachteil könnte ich durch braves weiterinvestieren der bis dahin gesparten Beiträge im Laufe der Zeit ganz laaaangfristig wettmachen.

Vorteil Variante 2: Ich spare im Vergleich zur GKV und bekomme vom Arbeitgeber Altersrückstellungen geschenkt. Der Einstiegszeitpunkt in die PKV war früh, die Beiträge sind gering und (hoffentlich) länger stabil.
Nachteil: Rund 100€ netto mehr pro Monat wären drinn gewesen. Und, wenn ich aus der PKV rausgehe sind die Altersrückstellungen mein Geschenk an die Allianz und die Altersgenossen meiner Tarifkohorte.

Um es kurz zu machen: Ich habe mich letztlich für die Normalvariante entschieden. Frühzeitig Altersrückstellung zu generieren scheint mir wichtig, um bei definitivem Verbleib in der PKV die Beiträge stabil zu halten. Da in den kommenden Jahren ein Arbeitgeberwechsel und in mittelfristiger Zukunft das Thema Selbständigkeit ansteht, wird es Möglichkeiten geben, zurück  zu wechseln.

Die Perspektive Selbständigkeit war ein Grund dem gesetzlichen Beitragszuschlag von 10% zu widersprechen und auch auf andere Beitragsenlastungsmaßnahmen zu verzichten. Die Verzinsung dieser Beiträge scheint mir zu gering. Zwar gibt’s die Beitragsreduktion steuerfrei ab 65 Jahre, aber ich muss, wenn ich nicht mehr angestellt bin den Zuschlag/Entlastungskomponente komplett selbst bezahlen. Da scheint es mir sinnvoller privat z.b. mittels Sparplan vorzusorgen.

Die Frage GKV vs PKV ist sicher sehr individuell zu beantworten. Tendenziell ist vor den möglichen Risiken der PKV eher zu warnen. Sie entspricht auf jeden Fall einer Luxusversorgung. Auf die private Finanzsituation haben Dinge wie, Haus/Mietwohnung, Ehe, Kinder und Familie einen deutlich größeren Einfluss.
Wer die Möglichkeit hat zwischen GKV und PKV zu wählen, sollte sich umfassend informieren und nicht den erst besten Tarif wählen, der einem von provisionsgetriebenen Makler aufgedrängt wird. Die Provisionen sind nachwievor sehr hoch und entsprechen in der Regel mehreren Monatsbeiträgen.

Für mich waren letztlich die folgenden Argumente entscheidend jetzt zu wechseln:

  • stabile, höhere Leistungen als in der GKV, die vertraglich zugesichert sind, insbesondere bei Zahnleistungen
  • Günstiger, für mich wohl ca. 15-20 Jahre, danach nicht absehbar (mit mehr als 3 Kindern natürlich nicht)
  • Aller Voraussicht nach besteht in einigen Jahre für mich nochmals die Möglichkeit meine Wechselentscheidung zu überdenken.

Der letzte Punkt hat mir meine Entscheidung erleichtert. Sollten die Beiträge explodieren oder sich die berufliche und familiäre Situation drastisch verändern, gibt es in meiner Situation noch Wege zurück in die GKV.

In den Kommentaren zum letzten Artikel waren viele kritische Stimmen zur PKV. Nach den erneut hohen Beitragsanpassungen zum Jahreswechsel der privaten Krankenversicherungen rechne ich mit ähnlichen Kommentaren. Vielleicht gibt es ja  Leserinnen/Leser, die kürzlich in eine private Krankenversicherung gewechselt oder bereits länger privat versicher sind und ihre Erfahrungen schildern möchten. Ich bin gespannt.

Hilfreich bei meinen Recherchen waren:

http://www.dewion.de/ (Direkte Tarifausgabe ohne Angabe von Adresse oder ähnlichem)

http://www.pkv-selbstvergleich.de/ (Sehr ehrliche und umfassende Betrachtung des Themas mit umfassenden Hintergrundinfomrationen z.B. zur Beitragsgestelatung. Der Autor empfiehlt aktuell nicht in die PKV zu wechseln)

https://www.krankenversicherung-prognose.de/ (Vergleichsrechner GKV/PKV)

https://www.finanztip.de/pkv/

PS: Mit etwas Geschick kann man sich auf Makler-Plattformen wie z.B. fonds-finanz (Krankenmodul) oder Levelnine kostenlos für einen Probezeitraum anmelden und selbst Tarife vergleichen, wie Versicherungsmakler es tun. Links poste ich nicht, da ich nicht den Anschein erwecken will hiermit in irgendeiner Form Geld zu verdienen. Google hilft bei Interesse.

3 Gedanken zu “PKV die II.

  1. Mario schreibt:

    Hallo, worin ist denn die Annahme begründet, dass der Krankenversicherungsbeitrag in der PKV (hier 2000€) im Alter stabil bleibt? Aus dem 10%igen gesetzlichen Zuschlag, der bis zum Alter von 65 Jahren erhoben wird, dürfen bis zum Alter von 80 Jahren meines Wissens nach nur die Zinsen beitragsstabilisierend verwendet werden. Ab 80 wird das Kapital dann wirklich aufgebraucht, d.h. ab dann könnte der Beitrag sogar wieder sinken. (Das Versicherungsunternehmen/die Kohorte bekommt also alles, wenn Sie im Alter von 79 Jahren sterben.)

    Die Frage ist also, ob oder wie lange die (gleichbleibenden) Zinsen aus vielleicht 50.000€ gesetzlicher Altersrückstellung die weiterhin jährliche Steigerung der Krankheitskosten (warum sollte die Steigerung im Alter aufhören?) wettmachen können.

    Aus privatem Interesse habe ich einen Online-Vergleichsrechner erstellt, da mir die verfügbaren Vergleichsrechner (eigentlich ist anscheinend nur der von krankenversicherung-prognose.de neutral) keine Abbildung der für mich relevanten Tarifstruktur ermöglicht haben.

    Sie sind herzlich eingeladen, Ihre Vertragsdaten dort einzugeben.
    https://pkv-vs-gkv.anqu.de/

    Als Privatperson habe ich keine Einsicht in die unterschiedlichen Vertragsstrukturen. Sollte Ihr Vertrag nicht abbildbar sein oder Sie ansonsten Anregungen haben, freue ich mich über Feedback.

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    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Die Website ist klasse, ich habe selbst lange im Internet recherchiert und wenig unabhängige Seiten gefunden.

      Zu den Anmerkungen: Meines Wissens werden mit dem Beitragszuschlag (Kapital und Zinsen) zunächst Beitragserhöhungen vermieden, wenn dann mit 80 noch etwa übrig sein sollte müssen Beitragsreduktionen erfolgen. Ich persönliche zahle den Beitragszuschlag nicht, ich habe mich damals noch befreien lassen.
      Neben dem gesetzlichen Beitragszuschlag, bilden die Versicherer nach noch „normale“ Altersrückstellungen, die dann auch beitragsmildernd eingesetzt werden (sollten).
      Aber ich weiß natürlich auch nicht wie sich die Beiträge entwickeln. Die Allianz hat tolles Werbematerial aus dem hervorgeht, wie günstig langjährig versicherte sich im Alter privat versichern können. Das ist aber natürlich alles nicht objektiv nachvollziehbar.
      Mir bliebe im Alter noch die Möglichkeit in den Standardtarif zu wechseln, da ich vor 2009 noch privat versichert war.
      Da ich mittlerweile ins Ausland gezogen bin, halte ich aktuell nur noch eine Anwartschaft (Risikoanwartschaftsversicherung), da ich mir nicht sicher bin, ob ich nach einer möglichen Rückkehr mich wieder privat versichern will.

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  2. Mario schreibt:

    Kleine Korrektur: Es scheinen überhaupt nur die Zinsen gutgeschrieben zu werden. Über die Verwendung der eigentlichen Altersrückstellung habe ich nichts Konkretes gefunden. Mein Rechner wurde aktualisiert.

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