Das Kapital im 21. Jahrhundert

Ich gebe es zu, ich habe das Buch nicht ganz gelesen. Es war mir zu mühsam.

Über einen Kollegen bin ich auf Thomas Piketty’s „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ aufmerksam geworden. Nach erstem Querlesen der Amazon-Rezensionen versprach ich mir zumindest eine polarisierende Lektüre.

Grob zusammengefasst geht es im Buch darum, die Vermögensentwicklung von Staaten und Privatpersonen auf der Welt in den vergangenen 150 Jahren zu analysieren und Entwicklungen für die Zukunft zu prognostizieren. Piketty ’s grundlegende Theorie ist, dass Kapital schneller wächst als die globale Wirtschaft mit Mehrbevölkerung und Produktivitätsgewinn. Um die hieraus wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich zu verringern, fordert er Vermögenssteuern.
Die vergangenen Tage habe ich versucht dieses Buch zu lesen und abgebrochen. Es ist wahnsinnig langatmig, ausschweifend und an den entscheidenden Punkten nicht präzise. Das 800 Seiten starke Werk soll mit seinen zahlreichen Quellen den Eindruck einer Wissenschaftlichkeit vermitteln, den es zu keinem Zeitpunkt ernsthaft aufrecht erhalten kann. Die Quellen, die Herr Piketty zitiert, sind teils fragwürdiger Herkunft, teils eigene Berechnungen und oft einfach nur Mist.
Ein langatmiges unwissenschaftliches Buch, dass meinen Ansichten und meinem Verständnis von Kapital und Vermögensbildung entspricht hätte ich wahrscheinlich noch zu Ende gelesen. Aber was inhaltlich in diesem Buch vermittelt wird ist immer wieder großer Murks.
Auf mich macht Herrn Piketty nicht den Eindruck eines Ökonomen, der mit wissenschaftlich fundierten Methoden die Vermögensentwicklung der vergangenen Jahrhunderte und der daraus entstehenden Problematik für unsere Gesellschaften beleuchten will, sondern er vermittelt den Eindruck eines politisch motivierten, wütenden Sozialwissenschaftlers, der den reichen und faulen „Rentiers“ dieser Welt an den Kragen will.

Die sachlich-inhaltlich eklatante Mängel in diesem Werk nerven, was mich als Leser jedoch auf die Palme gebracht hat, ist die Ausschweifigkeit. Es wirkt, als würde Herr Piketty mit sich selbst diskutieren. Es stehen Sätze im Buch wie „die Blasen der Aktien und Immobilienmärkte der vergangenen Jahrzehnte sollen hier nicht weiter betrachtet werden.“ Was dann folgt ist ein langatmiger Abschnitt über die Aktien und Immobilienblasen der vergangenen Jahrzehnte.
An den entscheidenden Stellen wird keine adäquate Quelle zitiert, sondern einfach beschrieben, dass dieser und jener Sachverhalt „sehr wahrscheinlich sei“, oder das eben die Vergangenheit diese und jene Entwicklung „bestätigt habe“.

Um nur ein Beispiel für unwissenschaftliche Betrachtungen zu nennen: In einem Kapitel geht es um unterschiedliche Kapitaldynamiken. Herr Piketty behauptet, dass größere Vermögen schneller wachsen würden als kleinere. Kann gut sein, für diese Theorie gäbe es sicher eine Fülle an hervorragenden Daten.
Als Beispiele werden jetzt neben den Portfolio-Entwicklungen amerikanischer Elite-Universitäten, Forbes Ranglisten herangezogen. Nachdem seitenlang über die fragwürdige Güte der Daten im Forbes-Magazin parliert wird, werden diese dann doch als Basis für die folgenden Behauptungen verwendet. Bill Gates Vermögen habe sich von einigen wenigen Milliarden innerhalb von gut einem Jahrzehnt auf mehr als 30 Milliarden vermehrt. Darauf wird eine Rendite von über 10% abgeleitet, an die der Kleinsparer nie herankommen würden.
Als ob sich Bill Gates nach der ersten Milliarde an den Strand gelegt hätte und sich gesagt hätte: „Ich schau mal was passiert“. Kein Wort über den Wertzuwachs des Unternehmens, über weiteres Arbeiten, mögliche andere Investitionen, den wahrscheinlich gigantischen Produktivitätsgewinn der Weltwirtschaft durch Betriebssysteme und Office-Programme, und und und. Es wird einfach platt behauptet, der faule Milliardär wird von alleine reicher und reicher.
Ich weiß auch nicht wie genau sich Bill Gates‘ Vermögen entwickelt hat. Wenn man in einem Buch darüber schreibt, Stellung bezieht und letztlich eine moralische Wertung vornimmt, sollte man als Wissenschaftler zumindest den Sachverhalt eingehend und von unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.

Es macht am Ende fast wütend, dass man mit so einer einseitigen Betrachtungsweise komplexer Sachverhalte eine so große mediale Aufmerksamkeit erfährt und es schlaue Leute gibt, die dann noch Beifall klatschen.

Dass wachsende Ungleichheit tatsächlich ein Problem auf dieser Welt darstellt, ist unbestritten. Auch gilt es, hierfür Lösungen zu finden und Vermögenssteuern mögen ein Weg sein, um dem wachsenden Reichtum einer globalen Finanzelite Einhalt zu gewähren. Aus meiner Sicht ist es schade, dass Herr Piketty sich allzu stereotyper Rollenbilder und billiger Platitüden bedient, um seiner Meinung Aufmerksamkeit zu verschaffen.
Das Buch entspricht vor allem in seiner Argumentation und der Quellennutzung letztlich nicht meinen Erwartungen an einen wohl renommierten Wirtschaftswissenschaftler.

Fazit: Nicht lesen, sondern in die Sonne gehen. Wer sich mit dem Buch beschäftigen will, dem sei Sekundärliteratur oder zumindest die unterhaltsamen Amazon-Rezensionen ans Herz gelegt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s