Die Qual der Wahl

Aktuell treibt mich die Versuchung um, in eine private Krankenversicherung zu wechseln. Der einfache Grund: Ich würde jeden Monat ca. 130€ netto im Vergleich zur gesetzlichen Krankenversicherung sparen und wäre „besser“ versorgt. Ich bin jung und gesund, habe außer Routinekontrollen praktisch keine Arztbesuche. Diese vermeintlich qualitativ bessere Versorgung würde ich aktuell kaum bemerken. Es ginge also vorwiegend ums Geld.
Kleiner Hinweis hier schonmal: Man spart nicht netto die Differenz von abgeführtem GKV-Beitrag zu neuem PKV Beitrag. Es ist weniger, die proportional höheren Sozialabgaben machen einem einen Strich durch die  Rechnung.
Über meine Eltern war ich im Studium privat krankenversichert und habe aktuell eine Anwartschaft für ca. 20 € im Monat laufen, die es mir ermöglichen würde ohne Gesundheitsprüfung in einen leistungsstarken Gruppenversicherungstarif bei der Allianz zu Wechsel. Es handelt sich um einen alten Bi-Sex Tarif zu vergleichweise günstigen Konditionen (ca 325€ ohne gesetzlichen Beitragszuschlag, dem könnte ich widersprechen, ca. 350€ inkl. 10% Zuschlag, Vollversicherung, 2 Bett-Zimmer, 75% Zahn-BliBlub, ohne Selbstbeteiligung). Alles in allem ein Tarif der oberen Mittelklasse mit aus meiner Sicht gutem Preis-Leistungsverhältnis.

Was mich umtreibt sind diverse Ungewissheiten. Das Problem ist wie immer, dass man sein Leben nicht auf Jahrzehnte im Voraus planen kann. Was wahrscheinlich auch wieder seine guten Seiten hat.

Stichwort Beitragsentwicklung. Ca. 3-4 Prozent Beitragssteigerung pro Jahr (ohne Inflation, die gibts in der GKV auch) sollte man bei einem finanziell solide aufestellten PKV-Versicherer veranschlagen. Da landet man am zum bitteren Ende (nach mehreren Jahrzehnten) bei gewaltigen Summen. Will ich die zahlen? Joa…nein. Wer rechnet wird feststellen: Es macht einen gewaltigen Unterschied ob man über 30-40 Jahre mit 3,1% oder 4,2 Prozent p.a. rechnet.

Aber die Beiträge in der GKV steigen ja auch! Richtig, aber nicht so dolle. Da kann man eher mit rund 2 Prozent rechnen. Das wird auf lange Sicht im Vergleich günstiger.

Kinder spielen eine Rolle. Aber woher soll ich wissen wie viele Kinder ich einmal haben werde? Das ist reine Spekulation. Mit 1-2 Kindern wäre die PKV lange Zeit günstiger, ab 3 eher nicht. In Elternzeit fallen keine GKV Beiträge an, die PKV muss man da selbst bezahlen.

Das verlockende ist wie immer die Spekulation. Bleibt mein Tarif lange günstig im Vergleich zur GKV spare ich jeden Monat Geld, das ich entweder verprassen oder investieren könnte. In optimistischen Szenarien würde ich bis zum 67. Lebensjahr Geld sparen. Und wenn ich es bis dahin nicht geschafft habe einen gewissen Wohlstand zu erreichen, dann ist’s eh zu spät.

In anderen Szenarien gibts mehr Kinder, eine Frau die nicht arbeitet und  auch noch mitversichert werden muss sowie gemeine Beitragsanpassungen mit mehr als 5% pro Jahr. Dann wird’s in der Kinderzeit schon teurer und im Alter richtig fieß.

Ein aus meiner Sicht realistisches Szenario zeigt einen finanziellen Vorteil der PKV bis zum 1. Kind. Dann gibt’s durch Elternzeit einen kleinen Dämpfer. Mit 2 oder 3 Kindern und einer „normalen“, den Erwartungen/Prognosen entsprechenden Beitragsentwicklung in GKV und PKV zahle ich solange bis die Kinder aus dem Haus sind in beiden Versicherungsoptionen etwa denselben Betrag. Wenn die Kinder älter werden, wird die PKV möglicherweise teurer, anfangs ist sie wohl eher günstiger. Anschließend spare ich erneut ca. 10 Jahre lang bis zu Rente einen kleinen Betrag in der PKV gegenüber der GKV. Spätestens aber mit Ende 60 und Beginn der Rente hängt die GKV die PKV deutlich ab.

Aus finanzieller Sicht die beste Option wäre sich jetzt privat zu versichern, dann, irgendwann (vor 55) z.B. im Rahmen eines Arbeitsplatzwechsels, sich vorübergehend arbeitslos zu melden und zurück in die GKV zu wechseln. Das ist dann zwar super-asozial aber definitiv die langfristig günstigste Variante. Denn wer mehr als 90% der 2. Hälfte seines Erwerbslebens in die GKV eingezahlt hat, kann sich in der Krankenvesicherung der Rentner (KVdR) versichern lassen (das ist eher ein Status, denn eine spezielle Versicherung). Die wäre deutlich günstiger als eine private Krankenversicherung und man muss auf private Einkünfte (Mieteinnahmen/Kapitalerträge) keine KV-Beiträge abführen. Aber bis dahin gehen noch Jahrzehnte ins Land. Wer weiß, ob es dann überhaupt noch private Krankenversicherungen/den Euro gibt. Zumindest Donald Trump dürfte dann jedenfalls nicht mehr unter uns weilen.

Die ganze Rechnerei schafft mir nur begrenzt Klarheit. Es ist müßig, man rechnet mit unbekannter Inflation, nicht verheirateten Partnern und ungeborenen Kindern. Am Ende treffen einen früh Krankheit und Tod, also schlimmere Dinge als Inflation und fieße PKV-Beitragserhöhungen. Dann hab ich Geld gespart, aber nix davon.

Für die rechen-wütigen hab ich noch ein paar Zahlen ausgegraben die einer realen Beitragsentwicklung in besagtem Tarif entsprechen:
1992: 198 DM
2003: 214 €
2011:281 €
2016: 364 €

Aus diesen Zahlen habe ich folgende Charts gezaubert:

pkv

Sowie inflationsbereinigt:

 

Inflationsberenigt.PNG

In meinem Beispiel entspricht die Beitragsentwicklung inflationsbereinigt von 1992 bis 2016 5,8% p.a. Ich denke, dass der initiale Beitrag sehr niedrig war und der Währungswechsel zu unverhältnismäßigen Beitragsanstiegen geführt hat. Vielleicht war es auch einfach der medizinische Fortschritt mit begleitend steigenden Kosten im Gesundheitswesen. Leider habe ich keine Werte zwischen 1992 und 2003. Von 2003  bis heute entspricht die Beitragsentwicklung 3,2% p.a. Das wäre für mich eine akzeptable Preissteigerung

Was meinen die Finanz-Profis? In der PKV am Anfang Geld sparen, bzw. darauf spekulieren, oder doch auf Nummer sicher gehen und brav in der GKV bleiben?

Rechner PKV gegen GKV (aus meiner Sicht PKV-nahe Darstellung): https://www.krankenversicherung-prognose.de/
Und hier gibts Zahlen zur GKV-Beitragsentwicklung.

EDIT: Für Interessierte gibt es im Wertpapaierforum weiteren Lesestoff inkl. Zahlen zur Beitragsentwicklung einzelner Foren-Mitglieder.

 

6 Gedanken zu “Die Qual der Wahl

  1. wirtschaftswaise schreibt:

    Aus dem Bauch heraus: Tu’s nicht!!!

    Ich erinnere mich an einen FOCUS Money Bericht vor ein paar Jahren zum Thema. Fazit: man muss die _gesamten_ gegenüber der GKV gesparten Beiträge sehr gut verzinst anlegen, um im Alter die hohen PKV Kosten tragen zu können. Unsere beiden Kinder (wir sind selbständig und beide freiwillig in der GKV) haben für stationäre KH-Aufenthalte eine Zusatzversicherung, damit sie dann wie Privatpatienten behandelt werden (hat sich nach dem Sportunfall der ‚großen‘ im November 2016 sehr bewährt.
    Bleibt noch die Unsicherheit, was aus der PKV insgesamt wird. Weite Teile des politischen Spektrums würden sie lieber heute als morgen abschaffen.

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    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar! Aus dem Bauch heraus denke ich auch, dass es sicher kein Fehler ist in der GKV zu bleiben. Ich habe versucht mit der Rechnerei diesem Bauchgefühl etwas mehr Objektivität zu verleihen. Das ist mir aber nur bedingt gelungen. Es gibt einfach zu viele Ungewissheiten, zu viele Variablen, die darüber entscheiden können welches Szenario letztlich das ökonomischere ist. In der GKV zu bleiben ist sicher risikoärmere Variante.
      Ich kann mir ebenfalls gut vorstellen, dass die PKV abgeschafft wird, jedoch glaube ich nicht, dass den PKV-Versichterten dadurch relevante finanzielle Nachteile entstehen würden. Man müsste dann halt in eine Art Bürgerversicherung/GKV einzahlen, wie jeder andere auch.

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  2. Ex-Studentin schreibt:

    Ich hätte Angst, dass sich gesetztlich etwas ändert und man nicht mehr zurück in die GKV kommt. Bin ohnehin kein Fan von PKVs. Verstehe nicht, wieso nicht alle in den gleichen Pott zahlen und es höchstens Zusatzversicherungen gibt. Die Ersparnis klingt natürlich verlockend, aber fürs Alter muss man dann entsprechend mehr vorsorgen.

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    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Da hast du Recht, man weiß nicht was politisch entschieden wird und macht sich damit irgendwie abhängig. Gut möglich, dass die PKV irgendwann einmal ersatzlos gestrichen wird.
      Mir bleibt noch ein wenig Zeit zum recherchieren, weil erst zum Jahreswechsel eine erneute Prüfung der Versicherungspflicht möglich ist.

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  3. Peter schreibt:

    Mach es nicht.
    Ich komme mit meinem Kommentar sicher viel zu spät (ich habe Dein Blog erst heute gefunden), möchte aber trotzdem etwas dazu sagen, vielleicht hilft es auch anderen.
    Ich bin 55, war 25 Jahre privat versichert, und habe mich vor einem Jahr asozial gewaltsam in die GKV zurückgeschlichen.
    Beim Eintritt in die PKV haben mich einmal die deutlich geringeren Kosten gelockt, aber auch besseren Leistungen.
    Durch die Vergreisung der PKV-Tarife (die PKV-Unternehmen schließen irgendwann die Tarife, es kommen also keine neuen jungen Leute in den Tarif, das Durchschnittsalter und damit der Bedarf an ärztlichen Leistungen steigt beständig) hatte ich in den letzten PKV-Versicherungsjahren Beitragssteigerungen in der Größenordnung von mindestens 10% jährlich. Ich habe mich einige Jahre gerettet, indem ich auf Leistungen verzichtet habe (vom Einzelzimmer zu Doppelzimmer, keine Chefarztbehandlung mehr, Begrenzung der Leistungen auf Faktor 2,3, …) und eine Selbstbeteiligung vereinbart habe (d. h, die ersten 1200 Euro Arztkosten im Jahr zahle ich selbst) – aber die Beiträge stiegen weiter – ich habe Angst bekommen, ob meine Rente dann später noch ausreicht, um alleine nur die Krankenversicherung zu zahlen.
    Bedingt durch die Zinssituation hat die PKV auch Probleme mit den Altersrückstellungen – die verzinsen sich nicht so, wie ursprünglich kalkuliert – mit weiteren erheblichen Beitragssteigerungen ist daher zu rechnen.
    Natürlich hätte ich auch in den Basis- oder Standardtarif wechseln können. Abgesehen von der einen oder anderen Spezialität (die Pflegeversicherung ist dann im Rentenalter zu 100% selbst zu tragen) hatte ich die PKV dann auch einfach satt (die Tarifänderungen/-wechsel waren nie einfach…) und habe dann die Notbremse gezogen.
    Eines finde ich beim Wechsel PKV->GKV unschön: die für mich jahrelang gebildeten Altersrückstellungen hat die PKV nun eingesackt. Bei „neueren“ PKV-Verträgen muss die PKV bei einem Wechsel des Versicherers die Rückstellungen an den neuen Versicherer übertragen. Warum müssen bei einem Wechsel PKV->GKV die Rückstellungen nicht an die GKV übertragen werden? Das wäre fair.
    Es gibt da noch sehr viele Facetten (bei PKV-Versicherten werden viele unnötige Untersuchungen durchgeführt, wenn man sich nicht wehrt, …), aber ich möchte das jetzt nicht zu lang werden lassen.

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    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank für deinen sehr ausführlichen Kommentar! Es ist nie zu spät =) Ich musste meine Entscheidung vertagen, da ich erst zum Jahreswechsel wohl eine Befreiung erhalte. Während des Jahres ist dies nur nach Arbeitgeberwechsel möglich.
      Es sind letztlich deine o.g. Argumente die mich Zweifeln lassen, ob es eine gute Entscheidung ist. Für dich ist doch am Ende vieles gut gelaufen, auch wenn der Wechsel erst auf den letzten Drücker funktioniert hat. Ob das jetzt asozial ist oder nicht ei einmal dahingestellt. Immerhin hast du 25 Jahre lange ein privates Unternehmen finanziert, dem du sogar noch deine Altersrückstellung überlassen musstest. Ich würde mich nicht ärgern sondern freuen, am Ende wohl einen sehr guten Deal gemacht zu haben. Vor allem, wenn du in der Rentenzeit in die KVDR eintreten kannst.
      Im Moment sehe ich für mich 2 Optionen: Einen Ausbildungstarif ohne Altersrückstellungen der noch ein paar Jahre für mich offen bleiben würde ( Sonderfall). Der wäre sehr günstig. Nach Ablauf dieser Sonderfrist (ca. 5-6 Jahre) würde ich wieder zurück in die GKV gehen, dann im Rahmen eines Arbeitgeberwechsels/kurzfristigen Arbeitslosigkeit. Die Alternative wäre einfach in der GKV zu bleiben. Da werde ich nochmals abwägen ob der finanzielle Vorteil diesen Stress Wert ist. Eine langfristige PKV-Mitgliedschaft kann ich mir mittlerweile nicht mehr vorstellen. Die langfristig unklare und im Zweifel wohl eher unangenehme Beitragsentwicklung ist mir die vermeintliche Besserversorgung nicht wert.

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