Ein paar Gedanken zur Indexfonds-Euphorie

Ich bin beim Finanzwesir auf einen interessanten Artikel gestoßen. Es ging um eine Leserfrage.

Leser O. fragte: Mein ETF schwankt extrem! Was soll ich tun?

In gewohnt gründlicher Sorgfalt erklärt der Finazwesir, warum die so bedrohsam wahrgenommee Schwankung von knapp 70€ objektiv betrachtet völlig im Rahmen der normalen Volatilität liegt. Die argumentative Zahlenwucht des Wesirs ist beeindruckend. Man kann ihm nur schlecht widersprechen.

Ich halte diesen Artikel und eigentlich auch die Diskussion unter dem Artikel für einen der wichtigsten und interessantesten Beiträge aus den letzten Monaten. Es wird nämlich deutlich, dass die ubiquitär angepriesenen Index-Fonds vielleicht doch nicht für alle eine Universallösung in ihrer Vermögensbildung darstellen. Und zwar vor allem dann, wenn von vornherein die falschen Grundvoraussetzungen gelten. Für manche Leute ist es vielleicht sogar von Vorteil es erst gar nicht mit der Vermögensbildung  zu versuchen. Es soll wichtigere Dinge im Leben eines Menschen geben als die Themen Geldanlage oder Portfolio-Optimierung.

Aus meiner Sicht wird in den einschlägigen Finanzbloggs viel zu wenig auf die Risiken von ETF-Strategien hingewiesen. Fast jeder Finanzblogger macht irgendwie Werbung für Index-Fonds. Werbung nicht im Sinne der eignenen Bereicherung durch Anzeigen, sondern in dem Sinne, dass Wissen über diese Produkte angeboten wird und sie als vergleichsweise risikoarm dargestellt werden. Ich denke viele Leser haben den Eindruck, mann könne mit Index-Fond nichts falsch machen.

Ein Trugschluss. Eines der entscheidenden Probleme ist der lange Anlagehorizont. Wer kann heute Zeiträume von 10-15 Jahren sicher überblicken? Es gab in den vergangen  Jahrzehnten immer wieder mehrere Jahre andauernde Phasen an Kursverlusten. Ich wiederhole: mehrere Jahre! Viele eher kurzfristig an Gewinn orientierte Menschen denken doch eher in Tagen oder Wochen. Wie will man da Monate oder gar Jahre zuschauen, wie das hart verdiente Geld immer weiter an Wert verliert? Warum dann nicht einfach einen Schlussstrich ziehen und die ganze Börsen-Sache beenden?
Die Leute informieren sich oberflächlich, haben aber eigentlich gar kein Interesse für die Materie. Dann wird halt irgendein ETF bespart, weil man das heute so macht. Und dann? Hat man die Verantwortung irgendwie weg-geturft. An einen Zeitungsredakteur, den Friseur, einen Finanzblogger oder den Schwiegersohn.
Das Problem ist, dass die Leute keine selbstinformierten, eigenständigen und erwachsenen Entscheidungen treffen wollen. Die wenigsten Menschen interessieren sich ernsthaft für Aktien oder irgendwelche Fonds. Und diese Leute werden im Moment durch die Medienlandschaft geradezu gedrängt Indexfonds zu kaufen. Das kann alles wunderbar aufgehen, ist für die uninformierten Anleger jedoch eher unwahrscheinlich. Denn diese Leute werden die ersten sein, die im Crash verkaufen, Verluste machen und sich in ihren urspünglichen Befürchtungen („die Börse ist nur was für Zocker“) dann bestätigt fühlen.

Man muss authentisches Interesse mitbringen,  man braucht einen langen Atem, muss mit geringen Summen anfangen und Lehrgeld bezahlen. Man muss einfach mal Geld durch dieses Zeug verloren haben und das am eigenen Körper spüren. Um dann wieder auszustehen und weiterzumachen. Aber das wollen und können die allerwenigsten. Gerade die Erfahrung mit Verlusten an der Börse halte ich für extrem wichtig. Man lernt seine eigene Risiko-Toleranz einzuschätzten. Wer dann am Ende sagt: Mir ist das zu volatil, ich will mit der Börse nichts mehr zu tun haben der trifft auch eine Entscheidung. Diese Menschen sollte man nicht versuchen zu bekehren.

Ich mag mir gar nicht vorstellen in welchen Situationen die Leute aktuell zu Indexfonds greifen: Als kurzfristige Spekulation, als bessere Tagesgeldoption. Als vermeintlicher Geheimtipp im Rahmen spezialisierter Nischen-Indices. Es gibt unzählige Anlage-Szenarien in den Index-Fonds sicher nicht das richtige Finanzinstrument darstellen. Ein Index-Fond, auch auf den MSCI-World oder einen anderen breit gestreuten Index ist keine risikolose Geldanlage. Ebenso gibt es keine Garantie für Gewinne mit diesen Finanzprodukte.

Egal vor welcher finanztechnischen Entscheidung man steht: Das Wichtigste ist, dass man sich selbständig Gedanken macht und eine Strategie überlegt hinter der man stehen kann. Mann muss die Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen, um dann im Crash sagen zu können „So eine Scheiße hier, aber es wird funktionieren, weil ich weiß wie das System funktioniert und weil ich von meiner Strategie überzeugt bin“. Wer das nicht kann und will sollte aus meiner Sicht die Finger von Index-Fonds lassen und sein Geld besser auf dem Tagesgeldkonto gammeln lassen. Da nagt dann zwar die Inflation, aber es gibt eben darüber hinaus keine Verluste. Die Rendite ist gering bis nicht vorhanden, das Risiko aber auch! Und das mag vielleicht für den einen oder anderen am Ende gar die bessere Option darstellen.

Die erfolgreichen passiven ETF-Strategen stecken alle viel Zeit und Arbeit in ihre Anlagestretegien. Sie rechnen, verwerfen und optimieren im Verlauf kontinuierlich, um  einer Strategie nahe zu kommen, die ihrer individuellen Finanz- und Lebenssitation bestmöglich gerecht wird.
Index-Fonds sind nicht für Jedermann und Frau gemacht. Man muss gewisse Grundvorausssetzungen mitbringen, ansonsten wird man damit Geld verlieren.
Es gibt eben keine umsonst-Rendite ohne Risiko.

10 Gedanken zu “Ein paar Gedanken zur Indexfonds-Euphorie

  1. ETF-Investor schreibt:

    Vielen Dank für diesen Beitrag. Du hast mit Sicherheit in einigen Punkten recht, aber ist die Alternative zum ETF für viele Leute tatsächlich das Tagesgeldkonto, oder ist es vielleicht eher der aktive Fonds vom Bankberater?

    Letztlich müssen die Menschen ohnehin die Verantwortung für ihr eigenes Leben und auch ihre Finanzen übernehmen. Dies kann auf die eine Weise geschehen, indem sie proaktiv eigene Wege auswählen, oder auf die andere Weise, indem sie sich durch die Umstände in eine Situation drängen lassen. Auch sich nicht für einen ETF zu entscheiden ist eine Entscheidung, nämlich die gegen einen ETF.

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  2. meinkleinesdepot schreibt:

    Vielen Dank für deinen Kommentar!
    Eben, als Tagesgeldersatz sollte kein ETF herhalten. Als Alternative zu einem aktiv gemanagten, teureren Fond schon eher.
    Aber das Problem ist die finanzielle Unmündigkeit. Ich kann erst eine selbstständige Entscheidung treffen, wenn ich über die Sachverhalte informiert bin.

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  3. roland schreibt:

    Interessant, auch habe mich die letzten Wochen intensiv mit dem Thema ETF befasst. Ich selbst bespare auch einige ETF und wollte dazu einen ausführlichen Beitrag schreiben. Aber je tiefer ich in die Materie einsteige umso größer wird meine persönliche Abneigung.

    Dein Artikel beschreibt sehr gut das Dilema der Sache. Auf der einen Seite ist das Produkt leicht verständlich und gleichzeitig so umfangreich. Es ist so „toll“, dass man die Risiken übersieht.

    Mir hat an dieser Stelle das Buch „Blackrock“ die Augen geöffnet bzw. einen kritischen Blick eröffnet.

    Ich werde den Artikel zwar bald noch veröffentlichen, aber er wird wohl mehr Kritik als Lobgesänge enthalten. Das resultiert auch daraus, dass meiner Ansicht nach Aktien dann doch mehr Wert sind.

    Grüße von Finanzgeflüster

    http://www.finanzgefluester.de

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    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Habe vor ein paar Tagen deinen Blog entdeckt.
      Ich werde mir das Buch über Blackrock mal anschauen. Einzelaktien kommen für mich im Moment nicht in Frage. Ich hätte nicht die Zeit und Motivation mich in die Geschäftsmodelle einzelner Unternehmem einzudenken und würde am Ende wohl eine Art Bauchentscheidung treffen mit der ich nicht zufrieden wäre.

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  4. finanziellefreiheit schreibt:

    Hallo,
    Ich bin nicht sicher, ob ich den in Deinem Artikel aufgeworfenen Thesen so folgen kann. Ohne mich dem Vorworf des uneingeschränkten ETF Enthusiasten und Werbers aussetzen zu wollen, möchte ich aber doch auf folgende Punkte hinweisen:
    1) Langer Anlagehorizont – die Risikowahrnehmung jedes Einzelnen mag sich stark vom Anlagehorizont unterscheiden, der verlustfrei überstanden werden muss (typischerweise 15 Jahr+). Dieses Problem kann aber nur durch Information und klare Prämissen beseitigt werden. Es ist daher letztlich egal, ob es zu Schwankungen kommt, auch über mehrere Jahre. Wenn in ETF/Aktien/… zu langfristigen Anlagezwecken investiert wird, soll das Geld ohnedies nicht angerührt/benötigt werden.
    2) In passiven Strategien steckt viel Arbeit – dann ist etwas faul mit der passiven Strategie, oder? Sobald der Einkommensstrom nämlich mal fließt, sollte wenig/gar keine Arbeit mehr hinein fließen – siehe https://meinefinanziellefreiheit.com/2017/02/16/passive-einkommensquellen-aktiv-etwas-tun/
    3) Medienlandschaft drängt zu Indexfonds – hier habe ich große Zweifel! Vielleicht einschlägige Blogs, aber sicher keine Mainstream Medien. Hier wird doch eher Angst vor Aktien, Zockertum, komplexe Stukturen, Finanz-Hokus-Pokus etc. propagiert – ein wesentlicher Grund, warum Aktien in Deutschland derart unpopulär sind – siehe auch: https://meinefinanziellefreiheit.com/2017/01/26/boese-aktien/
    Viele Grüße,
    FF

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    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Ja, manche Dinge sehe ich wohl etwas anderes. Ich denke schon, dass man viel „Gedankenarbeit“ in eine passive Strategie stecken muss. Zu der eben auch gehört, dem täglichen Börsen-Auf-Und-Ab eben möglichst wenig Gehör zu schenken.

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  5. Chris | Der Weg meiner Freiheit schreibt:

    Amen Brother! Sehe ich ähnlich – gerade der Zeitaspekt. Ich denke an Anfänge meines ETF-Portfolios und das war gerade mal Ende 2013. Und es kommt mir wie graue Vorzeit vor. Dabei ist das nichts. Keinen richtigen Bärenmarkt mitgemacht, keinen Crash. Dieses „am eigenen Körper“ spüren kann ich aber nachvollziehen, das hatte ich zumindest schon im kleineren Maßstab erlebt. Und wie du schreibst: diese Verlusterfahrung mitgemacht zu haben ist essentiell.

    Die Kommer-Methode spricht glaube ich eher matheaffine Kopfmenschen an. Oder die pure Ratio. Aber Börse hat zum Großteil nichts damit zu tun, sondern den anderen Teil im Menschen. Den kann man aber schlecht in einer Tabellenkalkulation abbilden. Aber vielleicht funktioniert die Methode Marke Psalm-Rezitation, wenn es krachen sollte: „in-Kommer-steht-die-Kurse-steigen-langfristig-und-ich-bleibe-investiert“. Keine Ahnung, wie ich reagiere, wenn das Portfolio auf einmal um 50% absackt. Ich entferne mich gerade zunehmend von Buy&Hold und setze Trailing-Stopps ein. Oder wie das an anderer Stelle gesagt wurde: „Die Bullen schielen auf den Notausgang“. Aber von klassischem ETF-Investing entferne ich mich auch zunehmend.

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