Freiheit oder Langeweile?

Der Privatier hat zu einer Blogparade aufgerufen zum Thema finanzielle Freiheit mit der Frage: Freiheit oder Langeweile?

Ich wollte zuerst überhaupt nichts schreiben, weil ich mir gar nicht sicher bin, ob ich das überhaupt erreichen will. Aber was soll’s.

Finanzielle Freiheit bedeutet für mich, Entscheidungen in meinem Leben unabhängig von finanziellen Konsequenzen treffen zu können. Und damit glaube ich, dass nur eine verschwindend kleine Minderheit dieses Ziel erreichen kann und bin mir sicher, dass die meisten darunter etwas ganz anderes verstehen. Nebenbei ist das möglicherweise auch kein wünschenwerter Zustand: Der Liter Milch 10 Euro oder 50 cent? Egal, ich kauf‘ den Laden leer. Wer keine Konsequenz mehr aus seinem Handeln erfährt, wird rücksichtslos.
Wenn man sich in der Community umschaut, beschreiben die meisten ihr Ziel der finanziellen Unabhängigkeit im Wesentlichen damit, einem im Großen und Ganzen ungeliebten, abhängigen Beschäftigungsverhältnis nicht mehr nachgehen zu müssen. Dafür wird jeden Monat ein gewisser Betrag gespart, je mehr desto besser, mit der Hoffnung möglichst früh aus der Mühle aussteigen zu können.
Aber ist man dann finanziell unabhängig? Man wird sich trotzdem immer noch, und vielleicht sogar noch mehr als vorher, mit Geld beschäftigen. Man ist dann nicht mehr abhängig vom ungeliebten Chef oder Unternehmen, aber vom Depot oder der Website. Und die wenigsten werden tatsächlich so viel Geld auf die Seite legen können, dass sie sich nie mehr um Geld sorgen machen müssen. Man ereicht keine Unabhängigkeit, sondern verschiebt lediglich die Abhängigkeit vom Arbeitgeber zum Depot.

Ich denke immer wieder, dass es eine Illusion, eine Blase ist, in der sich die Leute da bewegen. Wenn euch euer Job keinen Spaß macht, sucht euch einen anderen. Ich glaube auch nicht, dass es Sinn macht, den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit zum Lebensinshalt für die nächsten 20-40 Jahr zu machen. Da ist das Unglück vorprogrammiert. Man isoliert sich im Laufe der Jahre aus unserer Gesellschaft, weil kaum ein anderer in der Lage ist zu begreifen, welchen Weg man eingeschlagen hat. Ein hoher Preis, den die wenigsten wohl in der Lage sind zu antizipieren.
Was mich in diesem Zusammenhang immer wieder beschäftigt: Was für ein Teil der Gesellschaft wird man, wenn man finanziell unabhängig ist? Wenn ich nur von Kapitalerträgen lebe, habe ich zum Beispiel eine wirklich asozial niedrige Steuerlast. Praktisch jeder, der arbeiten geht, bezahlt mehr Steuern und Abgaben. Man stelle sich vor, die Bewegung der finanziellen Unabhängigkeit würde zu einer Massenbewegung. Wenn das Alternativmodell des Lebensentwurfes zum Normalfall wird: Keiner konsumiert mehr, alle sparen und irgendwann geht keiner mehr arbeiten. Keine Utopie in der ich leben möchte.

Was müsste man dann erreichen?
Besser und erstrebenswerter würde ich eine Unabhängigkeit von Geld beschreiben. Das klingt für mich auch gut, und man kann es ohne entbehrungsreiches Sparen über Jahrzehnte erreichen. Wenn ich Geld als Mittel zur Zweckerfüllung sehe, mache ich mich tatsächlich unabhängig. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich viel oder wenig besitze. Ich muss genau so viel zur Verfügung haben, um meine Bedürfnisse befriedigen zu können. Und dafür brauche ich keinen ETF-Sparplan, da geht’s um den mindset.

So, genug Kritik.
Angenommen ich wäre finanziell frei, unter der Definition, wie sie die meisten verstehen: Mir wäre sterbenslangweilig.
Ich wüsste tatsächlich nicht, was ich mit der Zeit anfangen sollte. Arbeit ist für mich mehr als Geld verdienen. Sie ist sinngebend. Ich möchte arbeiten und produktiv sein, weil ich das als meine Aufgabe sehe, die ich gerne erfülle und deshalb auch nicht aufgeben will.
Ich würde auch nicht aufhören, weil Arbeit mir eine Tagesstruktur gibt, weil Freunde und Familie einer geregelten Arbeit nachgehen und ich mich davon nicht entfremden will.

Also nicht mit Arbeiten aufhören. Was dann mit der Kohle?
Vielleicht tatsächlich etwas weniger arbeiten und mehr Zeit für Sozialkontakte und Hobbies. Aber ob mir das langfristig taugen würde, ich weiß es nicht.
Und, ganz ehrlich, ich würde mir nen Sportwagen kaufen. Einfach weil ich es dann kann.Yolo.

 

8 Gedanken zu “Freiheit oder Langeweile?

    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar!
      Auch wenn er etwas spitzfindig ist, will ich darauf eingehen (ich habe ja auch provokant geschrieben).
      Nein, ich habe auch keine Lust bis zum Umfallen zu arbeiten. Mir ging es darum, zu hinterfragen, ob es eben sinnvoll ist ein halbes Leben lang einem ungeliebten Job nachzugehen, um dann 10 Jahre früher in Rente gehen zu können. Ich finde das keine gute Idee. Klar, viele Menschen befinden sich irgendwann in einer Situation, in der es dann sehr schwierig wird einen Arbeitsplatzwechsel zu vollziehen oder z.B. nochmal ein Studium zu beginnen.
      Trotzdem halte ich es für sinnvoll, viel Lebenszeit und Energie in die Berufswahl und den Beruf selbst zu stecken (Stichwort: Humankapital). Die meisten Leute, die die finanzielle Unabhängigkeit erreicht haben, hören ja auch nicht mit der Arbeit auf (häufig zielstrebige, disziplinierte Menschen, die womöglich sogar gerne arbeiten gehen ;)), sondern machen etwas anderes, was ihnen mehr Spaß macht. Das kann ich absolut nachvollziehen. Aber warum macht man eigentlich nicht gleich etwas, dass einem mehr Freude bereitet? Weil man da weniger Geld verdient?
      Das wollte ich hinterfragen! Ich finde es sinnvoller, länger in einem Beruf zu arbeiten, der Spaß macht, dafür die finanzielle Freiheit, etwas nach hinten zu schieben, als so eine Augen-zu-und-durch-Mentalität für mehrere Jahre oder Jahrzehnte Bestandteil eines Lebens zu machen.

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  1. Andrea schreibt:

    Hallo,
    war nicht böse gemeint. Ich frage mich nur warum ständig über finanzielle Freiheit
    geredet wird, wenn man dann eigentlich nichts damit anfangen kann, weil man als
    anständiger Deutscher gewohnt ist 10 Stunden zu arbeiten und nur dort denn Sinn des Lebens sieht. Bezüglich Deiner Frage bist Du bei mir genau richtig! Ich habe
    über 30 Jahre bei einem großen Konzern gearbeitet und 3.500 netto verdient.
    Habe in der Zeit 250.000 Euro gespart und bekomme jetzt 110.000 netto als Abfindung. Spaß hat mir der Job nie gemacht, aber man wechselt nicht, weil es einem unheimlich schwer fällt, mit dem Gehalt einen Schritt zurück zu gehen.Das
    schaffen nur ganz wenige. Als hält man dann eben durch und genießt die
    Möglichkeit mit 51 Jahren weniger arbeiten zu können oder eben gar nicht.
    Deshalb empfehle ich jedem, erst einmal seine 35 oder 40 Jahre zu arbeiten und
    dann zu urteilen, ob alles dann so langweilig ist, wenns nicht mehr sein muß!

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  2. Dummerchen schreibt:

    Hi,

    ein erfrischend „alternativer Beitrag“ – wie der Privatier es nennt – zum Thema Finanzielle Freiheit.

    Diesen Kerngedanken würde ich doppelt unterstreichen:
    „Ich denke immer wieder, dass es eine Illusion, eine Blase ist, in der sich die Leute da bewegen. Wenn euch euer Job keinen Spaß macht, sucht euch einen anderen. Ich glaube auch nicht, dass es Sinn macht, den Weg zur finanziellen Unabhängigkeit zum Lebensinshalt für die nächsten 20-40 Jahr zu machen. Da ist das Unglück vorprogrammiert.“

    Auch Dein Kommentar spricht mir aus dem Herzen:
    „Ich finde es sinnvoller, länger in einem Beruf zu arbeiten, der Spaß macht, dafür die finanzielle Freiheit, etwas nach hinten zu schieben, als so eine Augen-zu-und-durch-Mentalität für mehrere Jahre oder Jahrzehnte Bestandteil eines Lebens zu machen.“

    Ich könnte es nicht prägnanter zusammenfassen und habe in meinem Leben genau den Schluss gezogen und das gesucht, was mich mit mehr Freude erfüllt. Ich bereue es bislang keinen Tag und sehe in der Skala der Lebenswerte nicht nur den Aspekt „Zeit ist wichtiger als Geld“, den viele FF-Blogger (richtigerweise) ansprechen. Noch wichtiger erscheint mir „Lebensglück pro Zeit“ zu sein und genau da bin ich voll auf Deiner Linie: Lieber jetzt schon das tun, was mich mit Freude erfüllt und dafür den Status „FF“ nach hinten schieben als sich für ein Ziel zu quälen, das man vielleicht gar nicht erreicht, wenn das Schicksal (die Gesundheit, andere Lebensumstände) zuschlägt.

    Liebe Grüße
    Dummerchen

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  3. Fuseboroto schreibt:

    Hallo,

    sehr gute Gedanken zum Thema. Ich bin ganz Deiner Meinung, dass man nicht einen ungeliebten Job nur des Geldes wegen ausüben sollte, um dann am Ende auf Erlösung durch eventuelle finanzielle Freiheit zu hoffen. Dies erinnnert an die Menschen im Mittelalter, die ihr karges irdisches Dasein, mit der Hoffnung auf das Leben nach dem Tod und im Paradies, ertragen haben.

    Allerdings sehe ich es auch so, dass ein Nebeneinkommen zumindest den Weg weg von einem ungeliebten Job erleichtern kann.
    Mir macht mein Job immer noch jede Menge Spaß, auch nach 15 Jahren. Aber ich kann mir vorstellen, durch Nebenerwerb und passives Einkommen meine Arbeitszeit zumindest zu reduzieren. Irgendwann ganz aufhören? Vielleicht, aber keine Pflicht. Sterbenslangweilig würde mir nicht werden. 🙂 Aber auch hier ist jeder Mensch verschieden.

    Abhängig ist man immer, egal ob vom Arbeitsplatz und dem Gehalt, vom Depot oder vom Nebenverdienst der Webseite. Ich sehe es einfach so, ich habe mehrere Einkommensquellen. Auch das ist ein Stück finanzielle Unabhängigkeit bzw. Freiheit.

    Komplette Unabhängigkeit ist wie Du sagst schwierig, zu hoch ist der Betrag der angespart werden muss. Die Gefahr nur noch zu sparen und zu geizen um dem Ziel nachzujagen ist hoch. Wie bei allem, ist der Mittelweg der richtige Weg.

    Ich sehe hier aber noch andere Probleme. Viele werden einfach nicht die Disziplin haben, sowas langfristig durchzuziehen. In einigen Blogs die ich lese, wurden Immobilien als Teufelszeug und Schuldenfalle verteufelt. Ein halbes Jahr und eine Meinung später, wird dann gebloggt, warum man doch eine gekauft hat. Ist in Ordnung, Meinungen, Haltungen und Ziele ändern sich.

    Das finanzielle Unabhängigkeit eine Massenbewegung wird, glaube ich ebenfalls nicht. Ich bin in der Tat überrascht, wie viele Finanzblogs es mittlerweile gibt, aber die Masse wird weiterhin konsumieren. Wenn ich sehe, was jeden Tag am Arbeitsplatz an Amazon-Paketen bei den Kollegen ankommt, mache ich mir da keine Sorgen.

    In diesem Sinne,
    Fuseboroto

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    • meinkleinesdepot schreibt:

      Vielen Dank! Ja, war vielleicht ein wenig überspitzt formuliert. Aber ich wollte eben ein paar Fragen aufwerfen, die man in der Szene selten beantwortet bekommt.
      Bin auf deiner Seite, was den Mittelweg angeht. An das Massenphänomen glaube ich auch nicht. Dazu fehlt es in vielen Teilen der Bevölkerung an finanziellem Basiswissen.

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